Hier eine der 39 Kurzgeschichten aus der Sammlung »Die Kaumaschine und andere Geschichten aus der frühen Resopalzeit«

DIE DOOFEN

Als Bernd die Gasse heraufkam, sah er Georgchen und Kurti auf der Mauer stehen. Georgchen stand direkt unter dem dicken Ast der riesigen Kastanie, deren Laubwerk etliche Meter über die Mauer ragte, und schaute die ganze Zeit nach oben.

Kurti bemerkte ihn zuerst und rief sofort: »Wir sind man mit der Achterbahn gefahren und du man nicht!«

»Wo denn?« fragte Bernd, als er bei ihnen angelangt war.

»Auf dem Schützenfest in Hannover. Da sind wir mit einer richtigen großen Achterbahn gefahren und du man nicht.« Dann zog er zweimal kräftig die Nase hoch, so daß die grüne Rotze, die schon fast bis zur Oberlippe ging, wieder im Nasenloch verschwand.

»War Georgchen auch mit?«

»Na klar!« meinte Georgchen, der sich inzwischen zu ihm umgedreht hatte.

»Und dann sind wir noch mit der Geisterbahn gefahren und du man nicht.«

»Die Geisterbahn war am besten von allen«, ergänzte Georgchen.

»Und einmal ist sogar ein Gespenst bei uns auf den Wagen gesprungen«, meinte Kurti.

»Hast du keine Angst gehabt?« erkundigte sich Bernd.

»Nee. Warum denn?«

»Und Georgchen auch nicht?«

»Georgchen erst recht nicht. Aber du hättest bestimmt Schiß gehabt. Aber du warst ja sowieso nicht dabei, aber wir.«

»Ich hätte auch keinen Schiß gehabt.«

»Aber du bist ja nicht mitgewesen. Außerdem sind wir auch schon mit einem richtigen Omnibus gefahren und du man nicht.« Kurz darauf meinte er: »Weißt du überhaupt, was die größte Zahl ist? Henner hat nämlich Georgchen gesagt, was die größte Zahl auf der ganzen Welt ist, und dir hat er es man nicht gesagt.«

»Und was soll die größte Zahl sein?«

»Das verraten wir dir nicht.«

»Unzählig«, sagte Georgchen schließlich. »Wenn du es genau wissen willst.«

»Und wie groß ist Unzählig?«

»Keiner kann bis Unzählig zählen, hat Henner gesagt«, meinte Georgchen. »Nicht mal die Lehrer. Auch nicht Herr Petersen. Nicht mal der schlauste Mann der Welt kann so weit zählen. Nicht mal in einer Million Jahre.«

»Und du man erst recht nicht«, fügte Kurti hinzu.

»Woher will Henner das denn überhaupt wissen?«

»Weiß ich auch nicht so genau«, meinte Georgchen. Doch dann sagte er plötzlich: »Aber Henner hat ein Lexikon, wo sowas alles drin steht. Vielleicht hat er es daraus.«

»Und du hast man kein Lexikon«, sagte Kurti. »Und außerdem will Henner uns das Lexikon zeigen, und dir man nicht. Wenn Henner uns das Lexikon zeigt, darfst du sowieso nicht mitkommen.«

»Na und«, erwiderte Bernd trotzig. »Will ich auch gar nicht.« Nach einer Weile fragte er: »Und was macht ihr hier?«

»Verraten wir dir nicht«, entgegnete Kurti.

»Können wir ihm ruhig sagen«, wandte Georgchen ein.

»Georgchen will nämlich da oben an den Ast dranspringen und dann raufklettern. Henner hat es auch schon mal geschafft, aber sonst hat es noch keiner geschafft.« Kurti zog von neuem zweimal kräftig die Nase hoch, weil die Rotze inzwischen wieder rausgelaufen war. Dann fragte er ihn: »Hast du nicht ein Taschentuch?«

»Nö«, erwiderte Bernd, obwohl er eines dabei hatte. Aber er hatte keine Lust, es ausgerechnet so einem Doofen zu geben.

»Aber Tarzan würde das auch schaffen«, meinte Kurti.

»Was denn?«

»An den Ast da springen und dann raufklettern«, erklärte er und zeigte auf den dicken Ast der Kastanie über der Mauer.

»Wenn Henner das sogar schafft, schafft Tarzan das natürlich erst recht«, sagte Georgchen. »Tarzan ist noch tausendmal besser als Henner. Keiner ist so gut wie Tarzan. Jedenfalls nicht im Klettern.«

»Aber Tarzan kann bestimmt auch nicht bis Unzählig zählen«, gab Bernd zu bedenken.

»Das nicht«, mußte Georgchen zugeben. »Aber dafür kommt Tarzan auch lässig auf jeden Baum rauf.«

»Und er kann sogar von einem Baum zum anderen springen«, ergänzte Kurti. »Genau wie die Affen. Die Affen sind nämlich seine besten Freunde. Das steht alles in Georgchens Heften drin. Die hat Georgchen mir alle gezeigt und dir man nicht. Da steht auch noch viel mehr drin, was Tarzan alles kann, aber das verrate ich dir nicht.«

»Will ich auch gar nicht wissen«, antwortete Bernd und begann, langsam weiterzugehen. Mit solchen Doofen wollte er sowieso nichts zu tun haben. Schon gar nicht mit Kurti.

»Und wo gehst du jetzt hin?« rief Georgchen hinter ihm her.

»Sage ich euch bestimmt nicht.«

Als er am Ende der Gasse auf die Straße kam, hörte er ein dumpfes Geräusch hinter sich. Unwillkürlich drehte er sich um. Auf der Mauer stand jetzt nur noch Kurti. Georgchen lag auf der Erde im Hof auf der anderen Seite. Er lag reglos auf dem Rücken ohne irgendeinen Laut von sich zu geben. Bernd rannte sofort zurück, kletterte auf die Mauer und sprang auf der anderen Seite zu Georgchen hinunter. Nun sprang auch Kurti hinterher.

»Hast du dir doll weh getan?« fragte Kurti, aber Georgchen reagierte nicht.

Eine Zeitlang standen sie ratlos da, bis Georgchen seinen Oberkörper nach und nach aufrichtete. Sie hockten sich neben ihn, und Bernd fragte schließlich: »Ist es jetzt schon ein bißchen besser?«

»Etwas«, antwortete Georgchen. Nach einer Weile stand er vorsichtig auf. Auch Kurti und Bernd erhoben sich wieder.

»War es schlimm?« fragte Kurti, als sie schon ein Stückchen gegangen waren.

»Weh getan hat es gar nicht so doll, aber ich habe auf einmal keine Luft mehr gekriegt.«

»Versuchst du nachher nochmal an den Ast dranzuspringen?« wollte Kurti wissen.

»Heute auf jeden Fall nicht mehr. Ich bin doch nicht verrückt.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Erst mal ein bißchen zu mir gehen. Vielleicht gibt es was Gutes im Fernsehen. Meine Mutter ist noch auf Schicht. Bernd kann natürlich mitkommen.«

»Klar kommt er mit«, bestätigte Kurti und zog erneut die Rotze hoch.

Bernd begann in seiner Hose zu kramen und fragte Kurti: »Willst du ein Taschentuch haben?«